Ich löse ein Terminproblem

Dass die Ampel auf Rot steht merke ich erst, als mich das Hupen der Autos auf die andere Seite spült. Ich bin spät dran, weil in meiner Wohnung ein Handwerker ist.

„Um zwei muss ich woanders sein“, habe ich − schon vor einer Woche − zu der Sekretärin der Baufirma gesagt, die die Arbeiten im Auftrag der Hausverwaltung durchführt. „Um zwölf sind wir fertig“, hat die Sekretärin gesagt. „Schön“, habe ich gesagt und bestätigt.

Jetzt ist in meiner Wohnung überhaupt nichts schön, aber meinen Termin will ich nicht ausfallen lassen. Ich will auch keinen Fremden in meiner Wohnung allein lassen, was ich, nach einem mittäglichen Telefonat mit der Baufirma, doch getan habe. „Für den Kollegen lege ich die Hand ins Feuer“, hat die Sekretärin gesagt. „Sie haben auch gesagt, er ist um zwölf fertig“, habe ich gesagt.

Der Mann, dem ich heute Morgen die Wohnungstür geöffnet habe, hat alle Merkmale eines Handwerkers aufzuweisen. Abgesehen davon, dass ihm beide Arme fehlen. Das Stäbchen, mit dem er die Klingel betätigt hat, lässt er vom Mund in einen vor dem Bauch hängenden Korb fallen. „Ich bin der Fliesenleger“, sagt er. „Sehr gut“, sage ich und denke, er wird wissen, was er sagt. Seine Firma wird es wissen.

Der Korb enthält Werkzeug, drei Kartons weiße Standardfliesen, Fugenmörtel und eine Plastikbox mit lachsfarbenem Deckel. Der Fliesenleger beugt sich vor, lässt ihn zu Boden gleiten und sieht sich unverfroren um. Schließlich schaut er mich an: „Wieso hängen Sie keine Bilder auf?“ „Mir gefallen keine“, antworte ich und ziehe die Tür zum Wohnzimmer zu. „Unsinn“, sagt er, „Bilder mag jeder.“ „Wie Sie meinen“, sage ich, schließe die Schlafzimmertür und dränge ihn in Richtung Küche, von wo aus ich, „Wenn Sie etwas brauchen, ich bin da drin“, sage und auf mein Arbeitszimmer deute, dessen Tür zum Glück nur einen Spalt offen steht. „Wunderbar“, sagt er, reckt den muskulösen Hals und lässt die Armstümpfe tatendurstig kreisen, „hängen wenigstens dort welche?“ „Nein“, sage ich und denke böse, Contergankind, vom Alter her geht sich das aus.

Der Fliesenleger schiebt den Korb mit den Füßen in die Küche, dass das Werkzeug scheppert. „Haben Sie Durst?“, frage ich noch. „Nicht im Augenblick“, sagt er, „und wenn, nehme ich mir etwas.“ Wie denn?, frage ich um ein Haar.

Ich gehe in mein Arbeitszimmer. Ich hätte viel zu tun, spiele aber die meiste Zeit mit meinem Lieblingskugelschreiber, immer kurz davor, in der Firma des Fliesenlegers anzurufen, ob nicht ein Irrtum vorliegt.

Als ich, den Kugelschreiber zwischen den Zähnen, Schlag zwölf mit einem Ruck die Küchentür öffne, sitzt er, ein angebissenes Wurstbrot zwischen den Zehen, inmitten zerbrochener Fliesen auf dem von mehligem Staub überzogenen Boden. Die Schuhe mit den hineingestopften Socken stehen zum Paar zusammengestellt neben dem Herd. Die Plastikbox befindet sich in Reichweite seiner Füße, enthält neben einer Stoffserviette ein offenes Schraubglas von den Proportionen eines aufblasbaren Kinderpools. Zu trinken hat er sich auch genommen. Auf dem Boden steht die letzte Flasche meines Lieblingsbiers.

„Ich wollte sehen, wie Sie vorankommen“, sage ich, um eine Tonlage zwischen Frage und Feststellung bemüht, „Ihre Firma hat behauptet, zu Mittag ist alles fertig.“ „Meine Firma“, fängt der Fliesenleger zu höhnen an, lässt das Wurstbrot auf den lachsfarbenen Deckel gleiten und schiebt die Fußspitze in das Schraubglas, „hat keine Ahnung. Wenn die Fliesen herunten sind, zeigt sich doch erst das ganze Ausmaß.“ Er wird immer hitziger, sodass ich rasch, „Sie sind auch Linkshänder“, sage, fahrig mit meinem Kugelschreiber spielend und merkwürdig erfreut, ihn den linken Fuß benutzen zu sehen. „Wie man es nimmt“, sagt er und führt eine Essiggurke zum Mund. „Ich meine nur, weil es so wenige von uns gibt“, sage ich verlegen und hebe, heftig wedelnd, die Linke. Der Kugelschreiber rutscht mir aus den Fingern und kracht zu Boden, der Fliesenleger huscht über den Boden wie eine Eidechse, umkrallt ihn mit den Zehen und streckt ihn mir hin. Die Essiggurke kollert durch den mehligen Staub und verendet zwischen Herd und Schuhen, während ich von dem dreckigen Fuß auf die unverflieste Wand zurück zu dem Fuß schaue. „Behalten Sie ihn bitte“, sage ich und fliehe in mein Arbeitszimmer.

Von dort rufe ich die Sekretärin an.

Nach halb zwei, in für mich gewissermaßen letzter Sekunde, stecke ich nur noch den Kopf durch die Küchentür. Über der Spüle kleben erste Fliesen, vor denen der Fliesenleger wie vor einem unvollendeten Gemälde steht. Dass ich dringend weg muss, sage ich, einen Termin vereinbart habe, weil es ja geheißen hat, um zwölf ist alles … „Wie Sie meinen“, sagt der Fliesenleger und lässt die Armstümpfe zucken, ohne den Blick von seiner Arbeit abzuwenden.

Ob er bis abends fertig wird, frage ich mutig. Worauf er mich nun doch ansieht, „Großes Handwerkerehrenwort“, sagt und mir wieder den Fuß hinstreckt.

Worauf ich wieder fliehe, diesmal aus dem Haus.

(Literaturzeitschrift KOLIK 06 / 2010)

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