The Final Pump Gun Fantasy ABC

Wer selbstständig ist, kann sich seine Zeit einteilen. Wenn ich selbstständig wäre, könnte ich mir meine Zeit besser einteilen. Ich wäre so wahnsinnig gerne selbstständig, dann könnte ich mir meine Zeit endlich besser einteilen.

Ich bin selbstständig, sage ich. Ach wirklich, sagen A, Archäologiedozent, B, Brand Managerin, und C, Geschäftsführer der Südost-Europa-Unit des Weltmarktführers für den Vertrieb von Chinarindenextrakten.

Sie sind selbstständig? Aber da können Sie mit Ihrer Zeit ja total machen, was Sie wollen!, sagt A. Sie sehen überhaupt nicht selbstständig aus, sagt C. Und was treiben Sie den lieben langen Tag Schönes, so als Selbstständige, die sich von niemandem sagen lassen muss, was sie zu tun und zu lassen hat, und wie sie dieses effizienter strukturiert und jenes weiter optimiert?, fragt B.

Grafikerin bin ich, sage ich. Du liebe Güte, sagt B, den ganzen Tag kreativ, das möchte ich auch! Wollen Sie mit mir tauschen?, frage ich. Eigentlich nicht, sagt B und, dass sie nicht gerne allein arbeitet, lieber im Team, wenn sie es für sich einmal durchdenkt, so ganz konkret und strukturiert. Ich habe als Kind auch immer gern gezeichnet, sagt A, und Sie, Sie dürfen ein Leben lang Kind bleiben …

Ich arbeite nicht allein, sage ich, wir sind zu viert, ein Team sozusagen, allerdings bin ich es, die, neben dem ganzen Kreativdreck jeden Tag, jeden Monat die Tausender auftreiben muss, damit wir alle was zu fressen haben, das sage ich und stopfe mir ein Canapée hinein. Ich wollte, ich hätte auch mehr Verantwortung, sagt A und stellt sein Glas ab. Und Sie als Selbstständige, wie kommen Sie denn mit dem Verantwortungsdruck klar?, fragt B, in deren Mundwinkel ein Lachsrest haftet. Ich träume viel, im Moment zum Beispiel von Ihnen, und davon, wie ich Sie umniete, sage ich und nehme mir noch ein Würstchen im Schlafrock, Sie alle drei, schön der Reihe nach oder wild durcheinander, so wie die Hasen, von denen ich andauernd träume.

Extrakte aus der Chinarinde können da auf ganz natürliche Weise ausgleichend wirken, sagt C, macht einen Schritt Richtung Buffet und zurück und stopft die Serviette, die er die ganze Zeit von einer Hand in die andere geschoben hat, in seine Sakkotasche. Feige Sau, denke ich und beiße in mein Würstchen. Aber, sagt B, Sie haben sich immerhin Ihren Humor bewahrt, finden Sie nicht auch, dass sie sich ihren Humor bewahrt hat? Dass das offensichtlich sei, es aber nicht schaden könne, zusätzlich Chinarindenextrakte einzunehmen, sagt C.

Ich scherze nicht, sage ich kauend. Ich habe gar keine Kraft zum Witzereißen, weil für mich jetzt schon Ostern ist, mitten im Jänner. Immer um diese Zeit müssen mir neue herzige Hasen und neue lustige Sprüche einfallen, und jeden Hasenschmäh, den sich irgendwer irgendwo noch ausdenken wird, den habe ich mir längst ausgedacht, auch alles, was man sich lieber nicht vorstellen will, habe ich mit dem Vieh gemacht, sage ich, schlucke hinunter und fege die Blätterteigbrösel von meinem Pullover.

Aber in der Weihnachtszeit, da werden doch sogar Sie ein wenig Ruhe gehabt haben?, sagt A, aus dessen Nasenloch ein Haar herauswächst, das er andauernd mit der Fingerspitze antippt …

Magenkrämpfe, die habe ich gehabt in der stillen Zeit, schreie ich. Schon im Dezember, wenn endlich alle Nikolaus- und Weihnachtskärtchen, alle Neujahrsgrüße, die ich Jahr für Jahr aus mir herauszupressen den Auftrag habe, herausgepresst sind, fangen die Magenschmerzen, falls sie überhaupt einmal aufgehört haben, wieder an, denn dann kommt der Jänner, und schon hängt dieses Vieh drauf auf mir, wird fetter und fetter, vermehrt sich auf mir, Tag und Nacht, auch an den Wochenenden …

Ich bemerke, dass C eine Probepackung Chinarindenextraktedragees aus der Sakkotasche fingert und mir aufnötigen will, balle eine Faust und haue ihn auf die Nase. Und Sie beide, schreie ich, als ich feststelle, dass A und B sich verkrümeln wollen, Sie rühren sich nicht von der Stelle! Ich-bin-noch-nicht-fertig.

Ich erwische A, den Archäologiedozenten, am Schlips, und B, die Brand Managerin, an den Haaren. Der Chinarindenheini krümmt sich auf dem Boden und stöhnt, ich trete ihn ein paarmal in die Seite, schon ist er still.

Und abends, schreie ich und reiße dabei so fest an Haaren und Schlips, dass Kopf A auf Kopf B kracht, falle ich ins Bett, und die Hasen fallen mit mir, und die einzige Fantasie, zu der ich dann noch fähig bin, ist, diese Hasen zu töten, und ich knalle sie ab, einen nach dem andern, doch am Morgen sitzen sie wieder auf meinem Bett und schauen mich an.

(Literaturmagazin DUM 11/2008)

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