Verzahnungen

Ich nehme den Weg durch die Allee. Den Kastanienbäumen weiche ich aus. Als ich über den mit Kies bestreuten Schlosshof gehe, habe ich ein Gefühl von sich verdünnender Luft. Gegessen habe ich auch noch nichts.

Ich folge den Hinweisen „zu den Gärten / to the Gardens“, als meine Schritte lautlos werden: Ich bin in eines der Rasenbeete getreten, die die Freifläche hinter dem Schloss schmücken. Sie mündet in eine steil ansteigende Schneise, über die Serpentinen hinauf führen. Das obere Gelände besteht nur noch aus durch Wege verbundenen Mischwaldflächen. Wo dort die Sonne bis zum Boden dringt, gedeihen auch Nüsse; davon und von den Eicheln ernähren sich die Eichhörnchen.

Ich gehe die Serpentinen hoch und setze mich am Mischwaldrand auf eine von den Bänken mit Blick auf Schloss und Stadt. Mit der nächsten SMS kommt das Gefühl wieder, dass mit der Luft etwas nicht stimmt, weswegen ich anfange, die Finger zu kräuseln und zu spreizen, einen Arm zu schlenkern und mit ihm zu kreisen. Ich kreise wilder und nehme den anderen Arm dazu, spüre jedoch keinen Widerstand. Was ich tue, fühlt sich zwar weiter wie Atmen an, doch zugleich ist mir, als gäbe es hier oben einfach keine Luft mehr. Jetzt steigt auch noch ein Sausen aus meinen Zehen hoch, das mich flutet und verebbt, neuen Anlauf nimmt und wieder gegen meine Körperwände kracht.

Es kracht und kracht, doch ich lebe und lebe, bis mit dem Sausen das Krachen vergeht. Zurück bleibt eine taube Empfindung, und meine Finger fühlen sich an wie verkürzt. Sie hören erst auf zu krampfen, als ich begreife, dass ich noch immer atme.

Das wird die Anspannung sein.

Es ist nämlich so, dass ich begonnen habe, meine Firma aufzulösen. Obwohl sie nicht groß ist, schlafe ich schlecht. Unschöne Gespräche sind zu führen und so genannte Maßnahmen zu setzen. Ich habe angefangen, Nusskerne in immer größeren Mengen zu essen. „Gut für Nerven und Gehirn“, sagt meine Frau und achtet darauf, dass mir die Nüsse nie ausgehen.

Gegen meine Fantasien richten allerdings auch die rauesten Nussmengen nichts mehr aus: Anfangs habe ich Bugs Bunny, Roger Rabbit und seine Jessica, Susi und Strolch, A-Hörnchen und B-Hörnchen oder die eine oder andere Ente lediglich gebissen, wenig später schon vom Finanz-, vom Marketing-, ja sogar vom Eventschlumpf genascht, und bald darauf sämtliche Schlümpfe mit Stumpf und Stingl aufgegessen. Mittlerweile rotte ich Nacht für Nacht meine Geschäftspartner, Mitarbeiter und Kunden aus.

Eichhörnchen rasen die Bäume rund um meine Mischwaldrandbank hinauf und hinunter. Laub raschelt wie verrückt. Die nächste SMS plingt, aber ich bin der Ruhe wegen hier, strecke und dehne meine Finger und mache es mir auf der Bank bequem. Ich bin der Ruhe wegen hier, doch nun wälzt sich ein Kindergarten auf Außendienst die Serpentinen herauf. Von einer jungen Dame mit greller Handtasche angetrieben steuert eine Zweierreihe kleiner Kinder mit Säckchen in den Händen schnurstracks auf mich zu. Erst beim Anblick der Eichhörnchen brechen die Kinder unter Gejohle seitlich aus, fassen in ihre Säckchen und laufen mit langen Armen auf die Tiere zu.

Nur ein Kind interessiert sich mehr für mich. Es baut sich vor mir auf und glotzt, bis ich mich aufsetze. Um dann zu mir auf die Bank zu klettern, worauf ich die Hände in die Jackentaschen schiebe und unter beträchtlichem Geknister die Reste einer Nusskernmischung hervorziehe. „Auch Nüssse“, sagt das Kind darauf ohne Vorderzähne und schüttelt sein Säckchen, bis es klackt, worauf ihm ein Eichhörnchen in den Schoß, von da auf die Schulter und weiter auf den Kopf hüpft. Je heftiger das Kind zappelt, desto fester krallt sich das Eichhörnchen in die Haare. Als das Kind mit den Tränen kämpft, biete ich dem Tier eine von meinen Walnusshälften an, es schnappt sie und verschwindet, worauf das Kind „Scheissshörnchen“ lispelt und Fäuste ballt Als die junge Dame kommt und es von der Bank zerrt, ist mir, als würde es knurren. Ihre grelle Handtasche schwenkend schiebt sie es an seinen Platz in der Zweierreihe, die sich unter ihrer Anweisung neu formiert hat und sich auf ihr Kommando nun in Bewegung setzt.

Sowie die Kinder im Wald verschwinden, lege ich mich auf der Bank lang.

Ich erwache, weil wieder eine SMS einlangt, und fahre hoch, weil ein Eichhörnchen mit dem Kopf in meiner Nusskernmischung auf mir hockt. Es fällt mit dem Kopf im Säckchen zu Boden, rast so auch den nächstbesten Baum hinauf. Ich male mir aus, wie es erstickt und schleudere mein Mobiltelefon, das nun läutet, in hohem Bogen in den Wald.

Nach einigem Hin und Her schlage ich die Richtung ein, die die Kinder genommen haben. Die Blätter stieben zu lassen besänftigt mich.

Als ich meinen Ringtone im Unterholz höre, laufe ich vom Weg ab darauf zu, wobei das Laub so hoch wirbelt, dass ich das Hindernis nicht erkenne und der Länge nach hinfalle, unter der Achselhöhle hindurch zurückschaue und, worüber ich gestolpert bin, für einen Baumstamm halte, wenn auch einen mit Eichhörnchen übersäten. In gleichförmigen Reihen hocken sie auf ihm. Als ich den Kopf hebe und den Hals recke, sehe ich einen nackten Arm zwischen den Schwänzen ―

Mein Mobiltelefon ist längst stumm, und ich liege immer noch so da, wie ich gefallen bin, nehme ein neues Geräusch wahr und sehe das Kind, das ich vor dem Eichhörnchen gerettet habe, hinter einem Haselnussstrauch hervor- und auf mich zukommen. Wie in Trancesteigt es über mich hinweg und beginnt, gegen den mit Eichhörnchen besetzten Körper zu treten. Der nackte Arm vibriert im Laub, würde ich meinen austrecken, ich könnte ihm die Hand schütteln. Mir kommt vor, sie zuckt, doch das Kind tritt und tritt, ohne auf meine Rufe zu reagieren. Tiere, die nicht fliehen, werden zerquetscht, und als es endlich aufhört, knurrt es bloß: „Scheissstante“, hüpft über meine Beine und verschwindet hinter dem Haselnussstrauch.

Ich erhalte offenbar wieder eine SMS, rapple mich hoch und falle erneut, wenn auch nur über den Arm, und als ich wieder aufrecht stehe, hat der Erdboden das Kind verschluckt. Die überlebenden Eichhörnchen haben sich neu in Stellung gebracht, machen keine Anstalten, je wieder von dem Körper abzulassen.

Der Arm aber ist noch immer unversehrt. Was für ein schöner Arm. So schön, dass ich überlege, wer einen menschlichen Biss unter all den Tierspuren überhaupt bemerken würde.

Womöglich hätte mich das Schmatzen der Eichhörnchen noch zur Besinnung gebracht, wären die Braunschattierungen ihrer Felle nicht zu einem monochromen Mittelbraun verronnen.

Jetzt umwachsen die typischen schwarzen Konturen die kleinen braunen Körper wie im Zeitraffer. Letzte Einzelheiten verschwimmen, alle Eichhörnchen werden schablonenhaft flach.

Sogar die zertretenen Tiere haben sich verwandelt. Nur Arm hat sich gar nicht verändert. Wie er mich anschimmert. Während die zu Zeichnungen gewordenen Eichhörnchen weiter am Körper knabbern, glänzt er mich an und klimpert mit den Fingerspitzen, solange, bis es um mich geschehen ist, aber kaum lasse ich mich auf die Knie nieder, heben die verdammten Eichhörnchen wieder die Köpfe —

Was mich nicht weiter kümmert, doch als ich den Arm zum Mund führe, stößt eines einen Pfiff aus, der alle anderen dazu bringt, sich in einer geschlossenen Bewegung auf mich zu werfen, also packe ich das erste, das meinem Gesicht zu nahe kommt und beiße ihm den Kopf ab, dann dem, das an mein Ohr will, und schließlich dem, das sich in meine Haare krallt — Ich muss an die dreißig Köpfe abgebissen haben, als der nächste Pfiff gellt.

Die Eichhörnchen lassen von mir ab und verschwinden.

Erst jetzt erkenne ich die junge Dame wieder. Noch hebt und senkt sich ihr Rumpf, allerdings ist sie ohne Faden am Leib, und ich sehe ihre Kleider nirgends. Ihre Zehen fehlen ebenfalls, und ihr Fleisch ist am ganzen Körper in winzigen Wunden herausgebissen. Hoch oben in den Bäumen baumelt die grelle Handtasche, an ihr sind immer noch Eichhörnchen zugange.

Ich will mich wieder über den Arm beugen, als mein Mobiltelefon wieder läutet. Diesmal finde ich es.

„Lebst du also doch noch“, sagt meine Frau, „und kannst zugeben, dass du bis jetzt keine Ahnung hattest, wie viele Kleinbetriebe heutzutage Opfer einer aggressiven Verdrängung durch internationale Konzerne sind. Skrupellose Multis, die Kleinbetriebe wie deinen mit ihren Filialen einkreisen, bis sie zusperren müssen. Gibst du zu, dass du das nicht wusstest?“ „Von mir aus“, sage ich, wische mir den Mund und beginne, die schwach atmende junge Dame zu umtrippeln, wobei sich das Rascheln der trockenen Blätter mit dem hellen Knacksen der kleinen Eichhörnchenknochen vermischt.

„Was sind das für Geräusche?“, fragt meine Frau.
„Ich habe eine SMS bekommen“, lüge ich.
Jetzt raschelt es bei meiner Frau. Bis sie sich räuspert wie ein alter Professor, und mir vorliest:
„Hier steht, es handle sich um eine von rücksichtslosen Extremen geprägte Strategie namens ‚Cannibalization‘ … Interessant, nicht?“
„Wahnsinnig“, sage ich, den Mund voller Tierhaare.
„Wollen wir zusammen essen?“, fragt meine Frau.
„Ich habe schon gegessen“, sage ich.
„So früh? Doch nicht wieder Nüsse?“, fragt meine Frau.
„Keine Nüsse“, sage ich.

(Langfassung im Literaturmagazin DUM 11/2009)

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