Antworten, oder: kollektive Spontanmethode zur posthumen Beseitigung von Einsamkeit in 10 Bildern

01 Trafik

Jeden Morgen um dieselbe Zeit ging G. in die Trafik, in der die beiden Stammkunden der Trafikantin, die zwei kleine Hunde besaß, die sie mehrmals am Tag auf der Straße spazieren führte, links vom Eingang in der Ecke des engen, dämmrigen, mit Zeitschriften und Zigarettenpackungen bis zum Plafond austapezierten Geschäftslokals auf Plastikhockern saßen, die nächste Zigarette an der Glut der vorigen anzündeten und dazu mitgebrachte Wurstsemmeln aßen.

„Wie geht es Ihnen heute?“, fragte die Trafikantin.
„Danke, man lebt. Und selbst?“, antwortete G.
„Danke, auch“, sagte die Trafikantin.
G. nahm seine Zeitungen, grüßte und ging.

02 Post

Die Zeitungen schichtete G. wie jeden Morgen auf den Küchentisch. Danach lief er wieder ins Stiegenhaus und wartete neben dem Hausbriefkasten auf den Briefträger, um ihm beim Einsortieren der Post zuzusehen. Sobald der Briefträger sich verabschiedet hatte, warf G. die Postwurfsendungen ins Altpapier, ging dann in seine Wohnung zurück und ordnete die Briefe – falls er welche bekam – nach dem Datum ihres Eintreffens zu den anderen. Sie lagen oft lange neben den Zeitungen, bevor er sich ihnen das erste Mal näherte. Er las die Absender,  beschnupperte die Umschläge und legte sie wieder weg, um sie Tage später doch noch zu öffnen.

Immer dienstags verließ G. die Wohnung ein drittes Mal, um Nahrungsmittel einzukaufen.

03 Unruhe

Meistens kamen Rechnungen. Die Stadtbibliothek schrieb häufiger, um zu lange entlehnte Bücher einzufordern, und einmal im Jahr gratulierte ihm der Supermarkt, dem es gelungen war, G. zum Besitzer einer Kundenkarte zu machen, zum Geburtstag. Ein Brief, der als Absender das Gemeindeamt eines ihm unbekannten Ortes trug, beunruhigte ihn entsprechend. Seit seinem Eintreffen war eine Woche vergangen.

04 Black out

Nachdem G. die Einkäufe verstaut, erst die Zeitung und dann die Stromrechnung gelesen hatte, machte er den Brief aus dem unbekannten Ort auf.

Der Gemeindevorsteher des Ortes bedauerte, ihm mitteilen zu müssen, dass das verdiente Gemeindemitglied A. L. am Soundsovielten im soundsovielten Lebensjahr verstorben sei. Der Beisetzungstermin sei von Amts wegen für den Soundsovielten festgelegt worden. Die Verstorbene hinterlasse weder Vermögen noch Angehörige, man habe in ihren Unterlagen jedoch das vorliegendem Schreiben beigefügte, für G. bestimmte Kuvert samt Vermerk, es ihm nach dem Ableben der Verfasserin zu übermitteln, vorgefunden.

Das Begräbnis war vor drei Tagen gewesen. Das kleine vergilbte Kuvert war mit seinem Namen beschriftet, doch der Name der Frau, deren Beerdigung er verpasst hatte, sagte G. nichts. Er hatte auch keine Verwandten, zumindest wusste er von keinen, was nach seiner Ansicht auf dasselbe hinauslief.

Wann das Kuvert, technisch gesehen, eingelangt war, konnte und wollte er nicht entscheiden, also ließ er es außerhalb der Ordnung liegen. Sein Vorname enthielt zwar ein stummes ‚H’ zuviel, aber das war auch schon anderen Frauen passiert, und zuletzt der Stadtbibliothek. Der Vermerk war, schwer leserlich, an den unteren Rand gekritzelt worden.

05 Sommernachtstraum

In den darauf folgenden Tagen drehte G. das muffige Kuvert hin und her. Am Sonntagmorgen hielt er es nicht mehr aus, schob die Küchenschere hinein und schlitzte es in einer kühnen Bewegung auf.

Geliebter G., begann die Verfasserin und schilderte in der Folge eine Begebenheit, die sich in einer für G. weit hinter seiner Erinnerung liegenden Zeit ereignet, und sie beide, G. und die Verfasserin, nach Angaben der Verfasserin für immer verbunden habe. Die Beschreibung enthielt genaue Angaben zu blühenden Wiesen, sternenklaren Nächten und lauen Sommerwinden, bekräftigte erneut die Einzigartigkeit der Zusammenkunft zwischen der Verfasserin und G., mündete in weitgehend ereignislose Lebensjahrzehnte und endete mit der Beteuerung der Verfasserin, ein Leben lang nur ihn geliebt zu haben. Gezeichnet: A.

06 Flexibilisierung

G. verbrachte den Sonntag im Pyjama auf dem Kanapee. Es gelang ihm, aus seinem Leben ein einziges Ereignis im Zusammenhang mit Sommernacht, in der sich allerdings eine gewisse B. mit seinem Motorroller aus dem Staub gemacht hatte, hervorzukramen. Er vergaß sogar, die Sonntagszeitungen zu holen. Als er sich doch noch rasch anzog, waren die Zeitungsständer schon abmontiert.

Im Lauf des Sonntagabends ging G. dazu über, sich das Bild von A., das er nicht hatte, zu machen. Mit dem Ergebnis, dass er sich schon bald mühelos mit ihr in der beschriebenen Blumenwiese wälzen konnte. Die Ortschaft, die er auf einer zerschlissenen Karte doch noch gefunden hatte, sagte ihm weiterhin nichts, aber das kümmerte ihn vor dem Schlafengehen kaum mehr. Es war ein Ort, an dem er angeblich glücklich gewesen war, was sich, überlegte G., von keinem anderen Ort behaupten ließ.

07 Glücksgleichung

Er lag die ganze Nacht wach und ging, Frau für Frau, die Lieben seines G.-Lebens durch. Früher oder später hatte jede ihn gefragt, warum er um Himmels Willen geworden sei, wie er sei? G. hatte nie eine Antwort gewusst. Die Frauen verließen ihn, was nach G.s Ansicht daran lag, dass er die Frage nicht verstand.

Seit heute aber war da noch A., deren Brief nicht ein einziges Fragezeichen enthielt und die, wenn man, wie G., bereit war, die Fakten großzügig zu deuten, ein Leben lang bei ihm geblieben war.

08 Relativitätstheorie

In der Trafik mischten sich am Montagmorgen wieder die Gerüche von Tabak und Wurst, und die Trafikantin fragte: „Wie geht es Ihnen heute?“ Aber G. antwortete nicht. Erst als sich die beiden Stammkunden nach ihm umdrehten, sagte er zaghaft: „Ich werde verreisen.“ Daraufhin entglitt der Trafikantin der Stapel Lottoscheine, den sie  hatte verschnüren wollen.
„Soll ich die Zeitungen für Sie zurücklegen?“ fragte sie schließlich. „Lieber nicht“, antwortete G.

Nun wachten die Hunde auf, und die Stammkunden erhoben sich von den Hockern.
„Wann kommen Sie wieder?“, fragte die Trafikantin.
„Ich weiß noch nicht“, sagte G., „vielleicht bleibe ich ganz weg.“

Jetzt sprangen die Hunde aus dem Körbchen, und die Stammkunden hielten den Atem an.
Die Trafikantin fragte in amtlichem Ton: „Darf man erfahren, was Sie dazu veranlasst?“
G. berichtete von dem Brief im Brief.
„Verrückt“, sagte die Trafikantin, „Sie fahren an einen Ort, der Ihnen nichts sagt, zu einer Toten, an die Sie sich nicht erinnern. Geerbt haben Sie auch nichts. Sie sind verrückt.“ Sie machte sich daran, die Lottoscheine aufzuklauben.

G. bückte sich zu den Hunden: „Ich bin nur einsam.“
Der eine Stammkunde sah G. zum ersten Mal an und sagte dann mit Blick zum Plafond: „Da ist er nicht allein.“
„Da hast du auch wieder Recht“, sagte die Trafikantin und umwickelte die Lottoscheine, die der andere Stammkunde für sie aufgeklaubt hatte, mit einem Gummiringerl. Der andere Stammkunde nickte G. zum ersten Mal zu und sagte: „Ich kann ihn gut verstehen.“
Die Trafikantin ließ das Gummiringerl schnalzen: „Die Frau ist tot, ihr Idioten.“
„Das ist doch alles relativ“, sagte der eine Stammkunde ungeduldig und zündete die nächste Zigarette an der Glut der vorigen an.
„Genau!“, rief der andere Stammkunde und biss in seine Wurstsemmel, verscheuchte die Hunde und sagte kauend: „Er hat jemanden, um den er trauern kann.“
„Das ist mehr, als wir haben“, sagte der eine Stammkunde und sah den Ringen nach, die er in die Luft geblasen hatte.

09 Briefgeheimnis

Ehe G. noch etwas erwidern konnte, ging die Tür auf.

„Warum fragen wir nicht ihn?“ Die Trafikantin wies auf den Briefträger, der die Post für die Trafik zusammensuchte und sagte, dass etwas unternommen werden müsse, sonst heirate G. am Ende noch eine Tote. Wieder musste G. die Geschichte von dem Brief im Brief erzählen. „Sie können sich an nichts erinnern?“, fragte der Briefträger, nachdem G. geendet hatte. Er bat, die Briefe sehen zu dürfen, prüfte Adressierung und Beschriftung und sagte:
„Sie wurden verwechselt.“
„Das kann nicht sein. Ein Amt irrt sich nicht“, sagte G.
„Ich fürchte doch“, sagte der Briefträger, „Sehen Sie, hier, das stumme ‚H‘. In der S.-Gasse hat ein Herr gewohnt,
der hieß so wie Sie.“
„Mit dem ‚H‘, das mir fehlt?“
Dass so etwas vorkomme, sagte der Briefträger, und der Herr erst unlängst verstorben sei.

Die Stammkunden sanken auf ihre Hocker. Die Trafikantin begann, Illustrierte geradezurücken, ihre Hunde zogen sich in ihr Körbchen zurück. G. schwieg düster.

10 Diesseitiger Pragmatismus

„Am besten, ich nehme die Briefe wieder mit“, sagte der Briefträger, händigte der Trafikantin ihre Post aus und steckte die Umschläge ein. Schon halb durch die Tür drehte er sich noch einmal um: „Was war vorhin eigentlich die Frage?“ Die Trafikantin zeigte auf G.: „Wir hätten gerne gewusst, ob Sie ihn für verrückt halten.“ Die Stammkunden horchten auf.
„Ich möchte nur um jemanden trauern dürfen“, sagte G.
„Wen interessiert da noch, ob ihm ein Buchstabe fehlt“, sagte der eine Stammkunde.
„Ich will mich um ein Grab kümmern dürfen“, sagte G.
„Der mit dem ‚H’ zuviel kann das ja nicht mehr machen“, sagte der andere Stammkunde, und die Trafikantin sagte:
„Wer weiß, ob er es überhaupt gemacht hätte.“

Der Briefträger schaute nachdenklich in die Gesichter. „Bestimmt nicht“, antwortete er nach einer halben Ewigkeit, gab G. die Umschläge zurück, grüßte und ging.

(Literaturzeitschrift PODIUM 04 / 2008)

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