Gewohnheitstieropfer

Mir ist mein Name entfallen, vorübergehend, wie ich hoffe.

Ich erinnere mich nur, wie unendlich ich mich gefühlt habe, als ich den Urlaub noch Ferien nannte.

Inzwischen ahne ich das Ende schon beim Auspacken. Da hilft es auch nichts, wenn man zu mir sagt: Wie Sie benannt worden sind, wird Ihnen schon wieder einfallen. Oder: Ihre Zeit wird schon noch kommen, später oder früher, Sie werden schon noch sehen.

Solange werde ich weiter  meinem vor einer halben Ewigkeit fürs Erste ergriffenen Beruf nachgehen. Klumpt sich die vom Beruf verdunkelte Zwischenzeit zum Urlaub zusammen, machen sich meine Erwartungen mit mir auf. In eine Gegend namens Ferienregion mit See, an dem ich das immer selbe Zimmer in einer Hotelpension mit theoretisch Seeblick miete, praktisch die Sicht auf eine eben fertig gestellte Umfahrungsstraße auch nicht übel finde, weil der Autolärm mir Meeresrauschen ist und in der Ferne Berge blitzen, deren Spitzen wie Fangzähne schimmern.

Beim Ordnen des letzten Sommerkleidungsstücks in die rustikale Kommode, deren oberste Schublade seit ich herkomme klemmt, schließe ich einen Wechsel von Beruf oder Reiseziel wieder aus. Meine Zeit soll mich nicht suchen müssen, falls sie doch noch kommt. Bugsiere ich den leeren Koffer dann auf den ländlichen Schrank, rieseln die Rückstände verdunsteter Empfindungen heraus.

In der ersten Nacht schlafe ich nie gut.

Mit dem Abzählen weißer Dinge fange ich noch im Aufwachen an. Bettzeug/Handtücher/Bergspitzen und die Autos auf dem Parkplatz vor dem Fenster, Stühle und Tische, Tischtücher und Servietten, Blusen und Schürzen der Frühstückskellnerinnen.

Putenwurst, Gouda und eine Schmelzkäseecke, eine Hotelportion mit der Aufschrift Streichgenuss und eine, auf der Erdbeermarmelade steht, ergänzen Brot und Semmeln. Wie jedes Jahr wären auch Kakao und Tee zu haben, doch ich bleibe bei Kaffee und lasse mich von der Wirtin Gewohnheitstier nennen.

Eins/zwei/dreistöckig steht der mit Holzbalkonen versehene Hotelpensionsbau auf seinem in den See mündenden Wiesenhang. An ins Erdreich gerammten Wäschespinnen hängen/wehen/flattern immerzu Laken, und von den angrenzenden Weiden recken Kühe die von Glocken an bestickten Bändern belasteten Hälse über die filigranen Elektrozäune.

Auf der Frühstücksterrasse liegt mir der See zu Füßen. Nach dem Frühstück kann ich der Wirtin auch keinen Grund mehr nennen, meine Seesachen nicht zu holen. Der Weg führt vom Zimmer mit der Glücksnummer durch das Treppenhaus und den Hochzeiten/Taufen/Leichenschmäusen vorbehaltenen Saal wieder auf die Frühstücksterrasse, wo ich am Übergang vom Waschbeton zu Wiese zugunsten des Grasgefühls unter den Sohlen die Sandalen abstreife, bloßfüßig schlendernd die weißen Laken zähle und so von den Kühen bestarrt den See erreiche.

Dort dann der Steg, ein paar Bäume und Schilf, und hinter Büschen ein Baustellenklo. Die zimmernummerierten Liegestühle im Bootshaus, in dem es modrig riecht und überall Spinnweben hängen, aber wenn die Sonne durch die Bretterfugen kommt und die klebrigen Netze unbezahlbar glitzern, wünsche ich mir mehr davon, denn wenn alles glitzert, schaut auch das bodenlos türkise Wasser um das weiße Ruderboot aus wie nicht von dieser Welt, und das Wellenklatschen ist eine Nachricht an die Wasserbewohner, weshalb sonst umstehen die fettesten Fische den Bootsrumpf wie gebannt.

Kein großer See, aber auch nicht so klein, dass im Strandbad auf der anderen Seite mehr als ein Flirren von Pünktchen zu erkennen wäre, wobei die auf dem Wasser tanzenden Bojen so gut wie Bademützen sein können. Auch wenn nur noch Sportschwimmer und Damen Bademützen tragen, ist eine Boje beim Heranrudern oft eine Bademütze gewesen; Rudern, genau, Ausfahren mit dem Boot, drüben im Seerestaurant Eiscoups von Dänemark über Hawaii bis Split, im Lauf der Jahre.

In der Hotelpension wohnen mittlerweile auch Hunde. Der Tourismus verlangt Konzepte, sagte die Wirtin, als die ersten kamen. Es klang wie eine Entschuldigung, dennoch hielt sich bei mir in der Saison der Gedanke länger, mich doch noch einmal zu verändern. Aber wohin, ich bleibe also, wo es kläfft und Leinen sich verheddern, beobachte das Hochschleudern von Happen und das Schnappen danach.

In diesem Sommer wuseln drei kleine weiße Hunde zwischen den Liegestühlen, der kleinste muss dazu noch auf den NamenTiger hören. Der vierte Hund ist groß/dunkel/schweigsam. Morgens schwebt seine schmale Schnauze über dem Frühstückstisch. Die Wirtin hat einmal aus Versehen für ihn aufgedeckt und dann zu mir gesagt, sie würde halt alt, worauf ich sie um ein Haar nach meinem Namen gefragt hätte.

Ich habe den Schirm in den Betonfuß gefädelt, den Liegestuhl aufgestellt und das Badetuch aufgebreitet, die Sonnenmilch ins Gras gestellt und daneben das Getränk, das Schwimmen auf den Nachmittag und das Rudern auf unbestimmte Zeit verschoben.

Inzwischen sind so viele Urlaubstage vergangen, dass ich bereits wieder rätsle, wieso meine Sehnsucht nach absoluter Ruhe vor der ewigen in Unruhe umschlägt.

Das Glas ist von der Sonne so heiß geworden, dass ich es fallen lassen und zusehen muss, wie der Saft versickert. Mit trockenem Mund addiere ich das weiße Ruderboot, das jetzt durch das Schilf neben dem Bootshaus gleitet, während der dunkle Hund im See steht und trinkt. An manchen Tagen kommt es zwischen ihm und den weißen Hunden zu Auseinandersetzungen.

Heute stören mich nur Insekten beim Überlegen, wie ich vor aller Augen den Liegestuhl neu ausrichte oder das Baustellenklo Entern aufschiebe.

Der Tag mag so grünblau sein wie die anderen, für mein Gefühl lässt er bereits die erste Kälte durch. Nicht buchstäblich, mehr als eine Vorbotin ihrer selbst, das versuche ich den Hausgästen über die Liegestühle hinweg klar zu machen, aber weil seit dem Frühstück ein weißer Hund abgängig ist, interessieren sie sich dafür nicht.

Das Wimmern der Hundehalterin mischt sich in die Strandbadklänge, die über den See wehen. Am Nachmittag trägt ihr Ehemann einen Matsch aus Innereien und ehemals hellem Fell in schwarze Folie eingeschlagen auf die Frühstücksterrasse. Landpolizisten befragen uns, ein Notarztwagen bringt die Hundehalterin in die Klinik.

Der nächste Tag fordert den nächsten kleinen weißen Hund. Das Wehklagen seiner Besitzerin prägt die Zeit bis zum Eintreffen des fassungslosen Ehemannes und der Landpolizisten, die sich ratlos über die schwarze Folie beugen. Sie durchsuchen diesmal auch das Bootshaus. Nach dem Abtransport der Hundebesitzerin in die Klinik finden sich die Hausgäste zum zweitenmal in vierundzwanzig Stunden auf der Terrasse ein. Die Landpolizisten halten alle, besonders aber die Herrin des letzten kleinen weißen Hundes, zur Achtsamkeit an. Dennoch läuft die Herrin von Tiger am nächsten Morgen kreuz und quer über den Wiesenhang und ruft seinen lächerlichen Namen, nähert sich den Kühen auf eine Weise, dass man meinen könnte, sie würde sie nach Tiger befragen.

Während ich in meinem Liegestuhl überlege, ob ich eine Wolke als Ding im engen Sinn auffassen und addieren soll, werden Tigers Überreste gebracht. Es ist die erste Wolke seit Wochen, sie ist bauschig im Kern und an den Rändern schleierhaft. Ich würde sagen, sie ist mittelgroß, aber was heißt das von hier unten schon, noch dazu über eine Wolke … Die ersten Hausgäste sind bereits auf der Terrasse, als Tigers Herrin so gellend seinen kleinen weißen Namen schreit, dass sich drüben im Strandbad alle Köpfe zu heben scheinen.

Die restlichen Hausgäste, unter ihnen ich, knüpfen eben die Badetücher um die Leiber, als ich das Knüpfen lassen und über den See deuten muss, weil ich Vorgänge im Strandbad beobachte. Dazu das Ausbleiben von Vorgängen, die Folgen der beobachteten hätten sein müssen, die Hausgäste sehen mich aber nur verständnislos an und hasten in ihren weißen Röcken den Wiesenhang hoch auf die Terrasse.

Schneemannunterkörper oder sonst eine vergessene Winterdekoration, auf dem Dach des Seerestaurants befindet sich schon seit Jahren ein großes weißes Gebilde. Das sich plötzlich regt wie von dem Schrei erweckt, ein Eindruck, den ich der Sonne oder sonst einer Einstrahlung verdanke, die Ozonschicht wird hier auch löchriger sein, als Tourismusverantwortliche zugeben.

Als mir das Gras wieder grün ist, hat sich das Gebilde dann schon zu etwas Tigerhaftem gesteigert, das jetzt ins Strandbadkonfetti springt und dort in pumpenden Schüben weiterwächst wie sonst nur Hüpfburgen …

Der Schatten des Bootshauses ist länger, das Gras unter meinen Füßen kälter geworden, und noch immer ist niemand auf der Flucht vor einem in den Himmel wachsenden weißen Tiger.

Der See unter ihm liegt inzwischen da wie gefroren und von einem Eissturm mit Ästen bestreut, die sich zum Streifenkäfig des Tigergebildes formieren, das sich nun auch noch auf die Hinterbeine stellt. Tatzenhiebe, bis es von der Wolke ablässt, die es nicht fassen kann, sie ist bauschig im Kern und an den Rändern schleierhaft. Das Tigergebilde reißt das Maul weit auf, ich weiß nicht, ob ich es addieren soll, da fährt seine Pranke nach mir aus. Ich drücke mich flunderflach in den Liegestuhl, als vom Wiesenhang her ein Hecheln naht.

Es ist aber nicht meine Zeit, die da kommt, sondern der dunkle Hund. Er umrundet mich einmal, prescht hinunter ans Ufer und bellt in den See, bellt, bis das Tigergebilde schrumpelt, und verstummt so pünktlich, als wäre es kleinzuschüchtern sein Befehl gewesen. Wüsste ich den Namen des Hundes, würde ich ihn zu mir rufen.

Der See ist wieder touristenblau, allerdings dehnen und strecken sich drüben im Strandbad die schrumpeligen Überreste meines Eingebildes. Hätte der dunkle Hund doch nur länger gebellt. So, wie er inzwischen am Bootshaus kratzt, hat er etwas anderes in der Nase, und mein Eingebilde kann wieder auferstehen, ohne sich darum zu scheren, ob es überhaupt vorhanden ist. Während der Hund am Bootshaus kratzt, verfällt es in einen Trott, der in ein Laufen mündet und in länger werdende Sprünge, bis es abzuheben scheint und ohne eine Ente aus der Luft zu fangen oder ein Schaf zu reißen das Seeufer entlang trabt.

Mein Eingebilde will zu mir, kein Zweifel. Ich würde es nicht anders machen. Ich würde mich auch von denen ernähren, die an mich glauben. Ich setze mich sehr aufrecht, will meine Zeit kommen sehen und auch sonst nichts mehr versäumen.

Der Hund kratzt am Bootshaus, und von den Hausgästen, die mit ihren sonnenroten Rücken und weißen Röcken das Geschehen auf der Terrasse abschirmen, trennt mich ein Wiesenhang. Er liegt ganz im Schatten der Hotelpension, als sich an den Wäschespinnen alle Laken wie auf Kommando blähen …

Eine Kuhglocke klingt, das Gras wird kälter, das Eingebilde größer … So sieht die Zeit also aus, wenn sie kommt … Ich wollte aber doch zeitlebens auf einem Grashalm blasen können! Ich kann den grünsten noch ausrupfen, als wieder eine Kuhglocke klingt — Es wird still. Mich umwirbeln lautlose Fleischfetzen und Reste von weißem Fell, ich schleudere … schwebe … hoch hinaus in ein weißes und wattiges, im Grunde nicht übles Gefühl … So lässt es sich leben.

Das Gefühl ist nicht von Dauer.

Wirtin/Hausgäste/Landpolizisten … So, wie sie mich umringen, bin ich jetzt der Matsch. Ein Matsch mit Händen, die unter sich ein Badetuch tasten und einen Liegestuhl, an dessen Fußende ein dunkler Hund aus noch dunkleren Augen auf mich blickt.

Drüben am anderen Ufer, im von der Abendsonne beschienenen Strandbad, flirren noch immer die Pünktchen. Die Sicht aufs Seerestaurant ist von den Hausgästen verstellt. Mir bleiben mein Badetuch und ein Bedürfnis, es unter mir hervorzuziehen. Durch die Schienbeine hindurch erblicke ich im Zerren und Winden eins/zwei/drei Hundebesitzerinnen. Sie sollten in der Klinik sein, huschen über die von weißen Laken übersäte Wiese und  verschwinden − von den anderen unbemerkt − im Bootshaus. Nur der dunkle Hund dreht den Kopf, während das weiße Ruderboot hinter ihm durchs Wasser pflügt.

Ich decke mich mit dem Badetuch zu. Ich höre einen sagen, dass es kühl wird.
Kühl wird es, sagen alle, kühl. Die Wirtin will wissen, ob ich friere. Was die Polizisten von mir wollen, sagen sie nicht. Meinen Namen scheinen sie zu kennen.

(Finale MÜNCHNER KURZGESCHICHTENWETTBEWERB 04 / 2011, Internetveröffentlichung)

___________________________________________________________________________

# The Final Pump Gun Fantasy ABC      # Verzahnungen      # Ich löse ein Terminproblem

# Antworten, oder       # Nachtleben       Gewohnheitstieropfer

# Unter Schafen