Nachtleben

Sie sitzt bei mir mit gekämmten Haaren und glänzendem Gesicht. Zu keiner Zeit habe ich den Entschluss gefasst, ihr nicht alles zu sagen.

Sie lässt mir die Hand nie lange. Streiche ich über die Knöchel, spüre ich schon, wie sie sich zusammennehmen muss. Am liebsten taste ich die kleinen Wülste um den Ring. Aber ich hebe mir das auf, denn sie entzieht sich mir, sobald mein Finger über das Metall gleitet. Sie muss dann aufspringen und mich nötigen, mich nach vorn zu beugen, damit sie meine Kissen aufschütteln kann. Es sind drei, die sie eines nach dem anderen packt, hochreißt und so nahe an meinem Ohr klopft, dass neben mir die Granate von neuem detoniert.

Mit krummem Rücken warte ich, bis sie die Kissen geschichtet hat. Das große, das mittlere. Sie verpasst jedem einen Hieb mit der Handkante, dem kleinen zuletzt. Mich nimmt sie an der Schulter. Die Hiebe hallen in mir wie die Schüsse, die mich verfehlt haben. Ich lächle, während sie mich in die Kissen drückt, obwohl mir nach Schlagen zumute ist.

Ihr Atem riecht nach Minze, in ihren Augenwinkeln staut sich das Zuviel an Fettcreme, die sie aufträgt, bevor sie mir die Milch bringt. Beim Glattstreichen der Decke sieht sie mich nicht an. Sie zieht sie bis unter meine Achseln, während ich die Arme hochhalte und erst senke, als sie sich um meinen Unterkörper herum um die makellose Flächigkeit bemüht, die ihr wichtig geworden ist.

Sie setzt sich dann noch einmal. Nicht zu mir, nicht auf die frisch geglättete Decke. Sie nimmt das von Schlieren trübe Glas, das ich jeden Abend in einem Zug austrinke, um mir das Gespräch darüber zu ersparen, weshalb ich nicht austrinke, und lässt sich auf dem anderen Bett nieder. Mich schaudert schon beim Geruch der warmen Milch, für die ich ihr immer auf die Minute genau danke.

Danke, sage ich freundlich und freue mich, dass sie sich freut. Bald nach der Hochzeit hatten wir das Ehebett gegen Einzelbetten getauscht. Sie fühle sich von meinen Beinen erdrückt, sagte sie damals. Ich habe sie nachts gern um ihren Leib gelegt, ohne es zu merken. Die neuen Betten standen Kante an Kante. Bis sie mich nach der Geburt unseres Kindes um Hilfe bat, wir sie zusammen auseinanderrückten und den Nachttisch dazwischen schoben.

Milch ist das beste Schlafmittel, sagt sie, ganz unerwartet, und fängt an, das Glas auf dem übergeschlagenen Knie zu balancieren. Seit ich zurück bin hat sie in dem Bett, auf dessen Rand sie hockt, nicht mehr geschlafen. Das ist wahr, antworte ich und strecke den Arm über den Abgrund nach ihr aus. Ihre freie Hand legt sich doch noch in meine. Sie blinzelt, kann mich dann aber anschauen und ertragen, dass mein Daumen über die Adern auf ihrem Handrücken wandert. Ich sehe sie den Griff um das Glas lockern, es loslassen. Kippt es, fängt sie es, richtet es auf dem Knie neu aus und vergrößert bei jedem Versuch, es frei stehen zu lassen, den Abstand zwischen Hand und Glas, und ich kann die Bewegungen ihres Körpers in der Hand zusammenströmen fühlen, die sie mir zu halten gegeben hat. Sie spielt und zeigt sich mir, ohne es zu ahnen.

Weshalb sie das Bett jedesmal mitüberzieht, frage ich, ohne meine Daumenwanderung zu unterbrechen. Ich will, dass sie wieder darin schläft und hoffe, sie liest in meinen Augen, was ich nicht sagen kann. Doch sie stellt das Glas ab, nimmt mir die Hand weg, steht auf.

In meinem Körper ist ein Splitter unterwegs. Bis OP in häusliche Pflege entlassen, heißt es in den Papieren. Ich verbrachte zwei Wochen im Kreiskrankenhaus. Sie kam nicht zu mir. Seit zwei Tagen bin ich daheim. Sie hat sich auch äußerlich verändert. Die Haare, die ihren Rücken geradezu geflutet haben, stehen jetzt zu Berge. Wie geschäftig sie an dem Bett zupft, das sie nicht benutzt. Wenn sie wie eben die Schultern vorschiebt, kann ich im Nacken die kleine Querfalte sehen, die ich früher nur getastet habe.

Überzogen ist es wohnlicher, antwortet sie, als ich kaum mehr weiß, was ich gefragt habe, und macht sich an der Kuhle zu schaffen, die ihr mir zugewandter Hintern in die Decke gedrückt hat. Beim Gedanken an die warme Kuhle hebe ich schon den Arm, aber weil mir immer das Gegenteil dessen, was ich möchte, am besten gelingt, fasse ich nicht an den Hintern, sondern greife mir mein Buch.

Sie wendet sich um, lässt im Stehen den Blick auf eine Weise an mir herunterwandern, dass ich mich für meine Füße geniere, die zwei bizarre Erhebungen bilden. Ich lege das Buch auf den Nachttisch zurück und falte die Hände aus Verlegenheit. Versuch’ zu schlafen, sagt sie und berührt dort die Decke, wo meine Zehen aufragen.

Sie nimmt das Glas, geht zur Tür. Die Hand legt sie erst an den Schalter, dann an die Klinke. In der Dunkelheit, in der sie aus dem Raum schlüpft, macht das weiß leuchtende Nachthemd aus ihr einen kopflosen Geist. Die Tür zieht sie so leise ins Schloss, als würde sie mich nicht wecken wollen.

Es schläft sich schlecht in Erwartungshaltung. Halb sitzend, halb liegend kauere ich, von den Kissen gestützt. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Dabei hilft die eintönige Helligkeit der Laken und Decken, Vorhänge und Überwürfe, Wände und Bodenbretter. Seit ich zurück bin, ist das meiste davon weiß, auch mein Nachtgewand, das Knopfleiste und Kragen hat. Ich knöpfe es bis oben zu. Im Bett Krawatte zu tragen scheint mir für einen Augenblick so wenig abwegig, dass ich beinahe lache. Aber ich blicke doch nur auf meine auf der Decke gespreizten Finger und horche auf Geräusche in unserem Haus.

Ich kann aufstehen. Der Splitter ist unter Kontrolle, sagt der Doktor. Ich habe auch das Schießen überlebt und die Bomben und die Flammen und könnte hinauslaufen, anklopfen, nachsehen. Nach ihr sehen. Ich habe keine Ahnung, was sie mit dem Raum gemacht hat, in dem sie die Nächte verbringt. Um mich nicht zu stören, sagt sie. Er liegt Wand an Wand mit unserem Schlafzimmer und ist das Zimmer unseres Kindes.

Gestern bin ich noch aus dem Bett gestiegen. Der Weg aus dem Schlafzimmer führt an dem Spiegel vorbei, den ich immer hatte montieren wollen. Der Mond leuchtete es soweit aus, dass ich die Umrisse meines Unterkörpers zu sehen bekam, das schenkelkurze Nachtgewand gab die Beine preis, die ich um unser Kind geschlungen habe.

Ich blieb hinter der Tür und lauschte. Der Krieg ist endgültig zu Ende, aber ich bin weiter so leise ich kann. Auch Licht mache ich nicht. Nach einer Weile tappte ich hinaus, tastete mich eben über den Flur, als ihre Tür aufging. Sie hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Genau wie ich. Hinter ihr schob sich eine Wolke vor den Mond. Ich wollte aufs Klo, sagte ich. Das wollte ich auch, sagte sie. Nach dir, sagte ich und deutete zur Toilette wie ein Platzanweiser. Sie zwängte sich an mir vorbei. Ich nahm den Geruch von Minze wahr und hielt mich blöde am Geländer fest. In das Kinderzimmer hineinzuschauen wagte ich nicht, war schon daran, zurückzugehen, als sie die Spülung zog und mit gesenktem Kopf ins Bad huschte. Sie wünschte mir eine gute Nacht, als sie herauskam, was mich an nächtliche Szenen im Studentenheim denken ließ. Aber ich studiere nicht mehr, und meine eigene Frau hat sich an mir vorbeigedrückt wie eine scheue Erstsemestrige.

Meine Augen halte ich die meiste Zeit auf das Fenster gerichtet. An den Seiten stauen sich die Vorhangbahnen, und jenseits der Scheibe ist alles unsichtbar. Das Rauschen der Wipfel weist auf Wind hin. Lesen könnte ich, besitze viele Bücher, die ich nicht kenne. Ein paar stapeln sich neben der kleinen Lampe, deren Einschaltknopf sich im Zwielicht so deutlich abzeichnet wie die Bettpfosten am Fußende. Ich drücke ihn nicht. Das da draußen könnte sich zu einem Sturm auswachsen. Vor dem Krieg wäre ich durchs Haus gelaufen um nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen sind.

Splitter hin oder her, ich fühlte mich beinahe stark, als ich das Krankenhaus verließ. Nicht so schwach oder behindert, wie der Rollstuhl mich scheinen lassen musste. Vorschrift, sagten die beiden Krankenhausbediensteten, die mich darin in den Transporter hievten. Von der Umgebung sah ich nichts, erkundigte mich bei ihnen nach der Brücke. Zerstört, sagten sie. Als sie mich endlose holprige Stunden später herausholten und auf die Haustür zuschoben, wurde es Abend.

Sie war an der Tür. Ich erkannte sie kaum wieder, sah ihr an, wie sie sich um ein Lächeln bemühte. Als die Krankenhausbediensteten darauf beharrten, mich in dem Ding bis in unser Schlafzimmer zu rollen, trat sie mit leerem Blick zur Seite.

Willst du Milch. Die ersten Worte, die sie an mich richtete, sobald wir in dem nun wie ein Krankenzimmer ausstaffierten Raum allein waren. Wir standen am Fenster, sahen die Krankenhausbediensteten die rückwärtigen Türen zuschlagen. Auf ihren Jacken gleißten Reflektoren. Zwei junge Burschen, die den Transporter flotter als nötig vom Randstein fuhren. In dem Moment werde ich wohl, Ja, bitte, gesagt haben. Seitdem unterdrücke ich die Übelkeit, ertrage den Geruch, trinke aus. Ja, bitte. Brennt sie an oder kocht über, dringen die Schwaden bis ins Schlafzimmer.

Die mit Daunen gefüllte Decke verwischt meine Konturen. Mein Unterkörper hat die Form einer ägyptischen Mumie im Sarkophag. Ich presse die Fußballen aneinander. Dem Impuls, die Knie anzuziehen, widerstehe ich. So wie dem Gedanken, die Hände zur Körpermitte gleiten zu lassen. Ich begnüge mich mit der Vorstellung, weil die voluminöse Decke bei jeder noch so kleinen Bewegung knattert und kracht, was mich in der Stille meines dunklen Zimmers an das Geschehen auf offenem Gelände erinnert.

Ich habe unser Kind mit meinen Beinen gehalten, weil es mir nicht gelang, meine Hände zu befreien. Sie hatten sie mir auf dem Rücken gebunden. Ich konnte mich nur vorbeugen und ihm übers Gesicht lecken. Ich rief seinen Namen, wiederholte ihn wie ein Betender. Als ich meinte, sein Kopf rutsche mir vom Schoß, schnappte ich nach seinen Haaren und Ohren.

Der Weg ins Nachbardorf führt über den Fluss. Ich müsse noch einmal weg, sagte ich an dem Abend, schon halb in die Serviette. Unser Kind wollte mit, wusste, wen es überreden musste. Ich sehe sie vor mir, wie sie nach Worten sucht und auf den halbvollen Teller weist. Mehr konnte sie nicht einwenden. Die Brücke war offen. Es hatte seit Monaten keine Angriffe gegeben. Die Verdunkelungspflicht war aufgehoben und die Straßen galten als sicher. Sie schob die Essensreste in die Töpfe zurück. Unser Kind schlüpfte in die Schuhe, lief noch einmal in die Küche und zupfte seine Mutter zum Abschied an den Haaren.

Meine Körperhaltung ändere ich kaum. Ich will in Wahrheit überhaupt nicht schlafen. Nicke ich ein, erschrecke ich beim Aufwachen vor den Bettpfosten. So sehr, dass ich hochfahre und mit den Armen erst die Knie umfasse, doch der Krach der Decke und der ebenfalls mit Daunen gefüllten Kissen echot so beharrlich in meinem Kopf, dass ich die Hände an die Ohren halten muss.

Unser Kind lehnte mit der Nase an der Scheibe über dem Armaturenbrett. Ich sorgte mich um Zunge und Zähne, doch weil es so gern mitkam und so selten durfte, fuhr ich bloß so behutsam ich konnte. Die Brücke war in Sicht. Ich stieg vom Gas und ließ den Wagen rollen, bis er Schritttempo erreichte. Als die Scheinwerfer über die Planken krochen und die Vorderräder zu rumpeln begannen, lösten sich Schatten von den Brückenpfeilern. Ich trat die Bremse, sie reihten sich zu beiden Seiten der Motorhaube auf, leuchteten ins Wageninnere. Geblendet zog ich unser Kind zu mir, flüsterte ihm, um Himmels Willen still zu sein und versuchte, es zu verbergen…

Die Angreifer verwandeln sich in Bettpfosten zurück. Ich nehme die Hände von den Ohren und öffne den obersten Knopf meines Nachtgewandes, entwirre notdürftig die Decke, strecke die Beine aus. Die Bäume stehen wieder still. Lesen könnte ich. Zur Toilette würde ich wollen, kann es mir aber ebenso verkneifen. Meine Körperfunktionen sind intakt. Nach der OP sind Sie wieder ganz der Alte, hat der Doktor gesagt, als er den Termin in die Krankenakte eintrug. Nach dem Eingriff bin ich wieder der Alte, habe ich zu ihr gesagt, nachdem der Transporter weg war. Wenn man dich erst operiert hat, wirst du wieder ganz der Alte sein, sagt sie seitdem abends, bevor sie das Licht ausmacht.

Sie hämmerten von allen Seiten gegen den Wagen. Sie rissen die Fahrertür auf, fingen an mir zu zerren an und entdeckten unser Kind. Draußen fesselten sie meine Hände. Einer warf mich über die Motorhaube, drückte mir die Beine auseinander, klopfte mich ab. Erst dann holten sie unser Kind heraus. Sie schubsten es vorwärts und trieben mich mit ihren Gewehren an. Wir stolperten über ein im Dunkeln liegendes Feld. Ich konnte hören, wie der Wagen von der Brücke gefahren wird. Hinter uns verloschen die Scheinwerfer. Die Angreifer benutzten ihre Taschenlampen nun nicht mehr.

Es wird wieder Tag. Heute Nacht könnte ich mich zu ihr setzen. Über die Stunden sprechen, die wir in getrennten Zimmern bei offenen Vorhängen verbringen. Wir sehen nachts dieselbe Dunkelheit. Dass sie schläft, glaube ich nicht. Bestimmt fällt es ihr ohne Licht nicht so schwer, mir in die Augen zu schauen. Ich könnte wagen, über ihr bürstenkurzes Haar zu streichen. Lässt sie das zu, könnte ich in ihr Ohr flüstern, dass ich im Grunde nie ein großer Milchtrinker war.

Unser Kind versuchte, mein Hosenbein zu greifen. Jeder meiner Schritte verlangte ihm zwei ab. Als es meinen Gürtel zu fassen bekam, schlug einer ihm ein Gewehr über den Arm. Es unterdrückte den Schrei leidlich, lief mit hängenden Schultern weiter. Wollte es zu mir aufsehen, strauchelte es, doch es fiel nicht hin. Der Hieb war nicht allzu hart gewesen. Ich fasste Hoffnung, dass sie gar nicht vorhatten, es zu töten. Wer seid ihr, fragte ich über die Schulter. Sie stießen mich in den Rücken. doch als es vor uns aufblitzte, warfen sie uns und sich zu Boden als wollten sie uns schützen. Die ersten Schüsse fielen, in die nächsten mischten sich Maschinengewehrsalven. Hubschrauber flogen tief und rund um uns vervielfachten sich Schreie und Schritte. Ich spürte unser Kind unter meinen Körper drängen, grätschte im Herumrollen die Beine und umschlang es.

Sie geht zuerst auf die Toilette, dann ins Bad. Sie würde sich mir nicht nähern, ohne vorher die Zähne zu putzen. Ihre Haare stehen bestimmt noch in alle Richtungen, die etwas längeren werden sich mitbewegen. Sie schrubbt, spült, gurgelt, feuchtet sie vermutlich erst an, nachdem sie die Zahnbürste wieder in den Becher gestellt hat.

Einer der Angreifer begann auf mich einzureden, packte unser Kind. Ich verstand ihn nicht, begriff aber, was er meinte. Lauf, schrie ich und gab es frei, lauf weg. Erst da fing es zu weinen an. Ich schrie wieder und wieder, denn ich hatte die Umrisse einer gemauerten Scheune erkannt, doch es klammerte sich nur noch fester an mich. Ich nickte dem Mann zu, versuchte, es wegzustoßen. Endlich war unser Kind aufgestanden, endlich. Etwas Zartes war in der Art, wie der Mann nach dem Ärmchen tastete, über das er das Gewehr zuvor gezogen hatte.

Ich wälzte mich auf den Bauch, drückte mich hoch, sackte ein, kam doch noch auf die Füße und schleppte mich in Richtung Scheune. Ich hatte die beiden ungleichen Silhouetten aus den Augen verloren und richtete mich auf, um sie zu finden. Da kam die Granate.

Sie huscht über den Flur. Die Schatten, da an der Türritze, das sind ihre Füße. Ich rutsche tief in die Kissen. Sie drückt die Klinke, langsam und leise, um mich nicht zu wecken. Ich höre sie herankommen und schließe die Augen − und rieche die Minze.

(Literaturzeitschrift DIE RAMPE 06 / 2010)

_________________________________

# The Final Pump Gun Fantasy ABC       # Verzahnungen       # Ich löse ein Terminproblem

# Antworten, oder       Nachtleben       # Gewohnheitstieropfer

# Unter Schafen