Schafsbesprechungen

06 2015   Der Standard
06 2015   WeiberDiwan
07 2015   Bücherschau
10 2015   Buchkultur
11 2015   Wiener Zeitung
12 2015   Literaturhaus Wien
12 2015  
schreibkraft – Das Feuilletonmagazin
03 2017   kolik 71

Formen, in denen sich das Falsche spiegelt

Der Standard Franz Schörkhuber (Online 9.6./Print 10.6.2015):

Bettina Gärtners Romanerstling findet eine witzige Sprache für eine traurige Welt

Wien – Unter Schafen ist das starke Romandebüt einer Autorin, die es versteht, sprachliche Formen zu entfalten, in denen sich die Widersprüche der beschriebenen Welt spiegeln. Die von Bettina Gärtner geschilderte Gesellschaft bewegt sich in einem hermetisch abgeriegelten Raum, in dem die Menschen einen Zynismus bemühen, der gegen jede aufkeimende Hoffnung auf ein anderes Leben immunisiert. Die Figuren scherzen, träumen und dichten – aber ohne echten Glauben, dass dies an ihrer Lage noch irgendetwas ändern könnte.

 Das Buch handelt von vier Tagen aus dem Leben Klaras. Ihr Zuhause ist eine „vorhersehbare Villen- bis Einfamilienhausgegend in waldnaher Randlage einer nicht übertrieben großen Großstadt dort im Westen, wo er auf den Osten trifft.“ Dieser Westen wird überstrahlt von einem Konzernemblem, „das den Mond vom Himmel drängt und zum Angriff auf die Sonne rüstet.“ Im paradiesisch erahnten Osten dagegen (die georgische Region Sawetien ist der einzige namentlich bezeichnete Ort) weiden die Schafe, die sich der Kosmetikkonzern mit verlogenen Praktiken anzueignen weiß.

Verlogener Wohlstand

Klara ist die beste Freundin der Tochter des Konzernchefs und die Frau jenes Manns, der den Betrieb bald übernehmen soll. Sie hat eine Affäre mit dem Mann dieser besten Freundin, von der sie ihrerseits fürchtet, dass sie mit ihrem eigenen schläft. Während die beiden Männer geschäftlich im Osten unterwegs sind, versuchen sich die Frauen im Westen aus dem Weg zu gehen.

Das aber ist gar nicht so einfach, da sie zusammen im Komitee sitzen, das den Empfang eines georgischen Geschäftspartners vorbereiten soll. Außerdem scheint etwas mit der pubertierenden Tochter nicht zu stimmen, die jeden Abend im Stall hinter dem Haus verschwindet, wo das vor Jahren über die Grenzen geschmuggelte Schaf sein einsames Dasein fristet.

Die durchgehend aus Klaras Perspektive geschilderte Geschichte handelt von grotesken Verwirrungen, melancholischen Erinnerungen und bloß noch zynisch sich äußernden Hoffnungen in einer Gesellschaft, wo jeder den andern belügt und keiner mehr sich selbst traut.

Lustig, poetisch, verstörend

Dabei gelingt der in Frankfurt geborenen, in Wien lebenden Autorin das Kunststück, die beklemmende Lage ihrer Figuren zur Darstellung zu bringen, indem sie diesen eine Sprache schenkt, die zuerst lustig, zuweilen sogar poetisch, dann aber auf das Tiefste verstörend ist. Die ins Detail driftenden Bewusstseinsströme Klaras sind immer wieder durchsetzt von Gedanken klarster Einsicht über die Abhängigkeiten ihres Daseins. Deren Bedeutungen verkehren sich aber mit der darauffolgenden Handlung oft in ihr Gegenteil. Worüber man zuerst noch lachte, das erweist sich im Nachhinein als etwas, das zum Weinen ist.

„Das seltsame Sein bestimmt das Bewusstsein“ – dieses Marx’sche Diktum legt die Autorin einer ihrer von den kapitalistischen Gewalten bedrängten Figuren in den Mund. So reflektiert diese Gestalten auch erscheinen mögen, bezeugt die Art, in der sie sich äußern, zugleich die Ohnmacht, mit der sie den Tatsachen gegenüberstehen. Der sterile Zynismus, der in fast allen ihrer Gespräche mitschwingt, wirkt wie ein Spiegelbild der beklemmenden Lage, in der sie sich befinden.

Klara entscheidet sich daher zum Ende hin auch dafür, aus dem Marx’schen Materialismus das Gegenteil zu machen und das unerträgliche Sein schlicht zu leugnen: „Ich nehme mir das Recht auf eine Version der Wirklichkeit heraus, die mich am Leben hält … Es könnte also auch ganz anders sein. An dieses Könnte will ich mich halten und klammern.“

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Das Schaf und der Konzern

WeiberDiwan Gabriele Mraz (Online 21.06.2015/Printausgabe):

Swanetien in Georgien – dort kommen die Swanenschafe her, aus denen das Fett gewonnen wird, mit dem der Konzern seine Gewinne einfährt. Der Konzern steht an der Grenze zwischen Ost und West, in einem vor dem Ausplaudern von Firmengeheimnissen geschützten Ort, in der der Hundeführer seine Runden dreht. Die Geschichte wird von Klara erzählt, der Frau von Manek, der an einer hohen Position im Konzern steht. Norma ist die Tochter des Konzernchefs, ihr Mann Fredd scheint aber als Nachfolger weniger geeignet. Manek und Fredd sind oft in Georgien, während Klara und Norma als ehrenamtliche Konzerngattinnen fungieren. Und dann gibt es noch Klaras Bruder, der auf einmal mitten in den gesellschaftlichen und strategischen Ritualen und Ränkespielen auftaucht. Manek hat zudem eines der heiligen Swanenschafe entwendet, das im Garten von Klara versteckt in einem Schupfen lebt. Wird der Bruder es entdecken? Was wird der Konzern tun? Ein witzig geschriebener Lesegenuss für LeserInnen mit Vorliebe für ziemlich schräge Geschichten. 

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Roman um einen zwiespältigen Pharmakonzern

Bücherschau Rudolf Kraus (Online 15.07.2015/Printausgabe):

Ein zwiespältiger Pharmakonzern beherrscht das Leben der Erzählerin und Hauptperson Klara, sowie ihrer Familie, ihrer Freundin Norma und ihrer Nachbarn. Dieser Konzern, geführt und gelenkt von Normas Vater, stellt aus dem Fett der Swanenschafe, einer Schafsrasse, die im georgischen Hochtal Swanetien beheimatet ist, eine legendäre Seilsalbe her und offenbar auch weitere pharmazeutische Produkte. Die Rezeptur dieser Salbe ist ein streng gehütetes Geheimnis. Nur Normas Vater weiß die Rezeptur und er selbst stellt die Salbe nächtens in der Fabrik her.

Im Konzern arbeiten viele Laboranten und Forscher, aber über alles wird ein Mantel des Schweigens geworfen. Geheimnisse, Verschwörungstheorien und Spionage sind wesentliche Themen. Scheinbar steht man vor irgendeinem Durchbruch und Klaras Ehemann Manek dürfte dabei eine entscheidende Rolle spielen, doch das wird im Roman nicht aufgelöst. Ein Swanenschaf, das im Stall von Klaras Garten untergebracht ist, verschwindet eines Tages, während kurz davor Klaras Bruder als angeblicher georgischer Forscher auf Wunsch des Konzerns bei ihr untergebracht wird. Viele Erinnerungen werden geweckt, nebenbei erfährt man auch von einer Affäre von Klara mit Normas Ehemann Fredd und von Geschichten aus der Kindheit und aus der Gegenwart.

Manches wirkt überzogen, aber auch überlagert in diesem Roman, der aber sehr wohl einiges an Humor und Kuriosität aufzuwarten hat. Ein durchaus interessantes Debüt.

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Belletristik quergelesen

Buchkultur – Österreich Spezial (Ausgabe 162A, Oktober 2015):

Kriminalroman und Komödie in einem: Mit viel Witz wird eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und eine Pharmaindustrie, die alles in den Hintergrund drängt, erzählt.

Kafkaesk

Wiener Zeitung Werner Schandor (Online 28.11./Print 29.11.2015):

Kontrastreich und überzeichnet wie einen Film von Wes Anderson setzt die Autorin Bettina Gärtner ihren Debütroman Unter Schafen auf. Vordergründig geht es in dem skurrilen Kammerspiel um einen Ehebruch und die Machtverhältnisse in einem familieneigenen Pharmakonzern, der aus dem Fett georgischer Schafe Kapital schlägt. Doch allmählich schälen sich Lügen und Geheimnisse aus dem Geschehen, und die Ebene des Symbolischen senkt sich in der zweiten Hälfte des Buches schwer über das Erzählte: Der Bruder der Ich-Erzählerin Klara kommt als Gast des Konzerns ins Haus, ein Zuchtschaf soll entführt werden, und die paranoiden Maßnahmen des Sicherheitsdienstes bestimmen das Geschehen, das am Ende mehr Fragen hinterlässt als es Antworten gibt. Wie heißt es gegen Ende im Buch: Das Schaf hat einen so zufriedenen Eindruck gemacht. Letzten Endes bleiben aber Tiere rätselhaft. – Ebenso wie das in sich geschlossene, leicht kafkaeske Universum, das Bettina Gärtner in Unter Schafen eröffnet.

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Von Schafen und anderen Wölfen

Literaturhaus Wien, Buchmagazin Bernd Schuchter (Online 09.12.2015):

Bettina Gärtners eigenwilliger Debütroman beginnt wie eine der vielen Folgen über die gelangweilten Hausfrauen der Wisteria Lane, die das US-amerikanische Vorstadtidyll in der Abendserie Desperate Housewives unterlaufen, indem permanent Morde passieren, Affären vertuscht werden oder andere dunkle Geheimnisse verschwiegen oder aufgedeckt werden. Wir befinden uns nahe der georgischen Grenze und ein ganzes Dorf steht hier im Zeichen eines großen Konzerns, dessen Logo alles überstrahlt, und der ein Geheimpatent zur Verwendung der Fette der kostbaren Rasse der Swanenschafe hat und dieses Geheimnis gut zu hüten weiß. Die Firma macht Millionen mit der Herstellung medizinischer Salben.

Während die Männer im Auftrag der Firma in Georgien unterwegs sind, laden sich die Hausfrauen gegenseitig zu albernen Cocktailpartys ein, bei denen auf schicken Tabletts Tee, Sekt und Kuchen gereicht werden. Albern deshalb, weil diese „Damennachmittage“, wie die Erzählerin Klara diese Treffen nennt, nicht in einem mondänen Vorort von Beverly Hills stattfinden, sondern mitten im Nirgendwo. In der Einöde des georgischen Grenzlands. Seit Klara dort wohnt, hat sie schon an die dreihundert solcher Nachmittage mitgemacht, ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Dabei macht ihr Mann Manek gerade Karriere im Konzern, nicht nur wegen seiner Fähigkeiten, sondern weil es für den Firmenpatriarchen eigentlich keinen Nachfolger gibt; der hatte einem Dorfältesten einst das Geheimnis um die Schafsfette abgeschwatzt, die Grundlage seiner Firma, und hütet dieses Geheimnis mündlich bis zum bald zu erwartenden Tod. Seine Tochter Norma, die natürlich die beste Freundin von Klara ist, hat sich in den Schwerenöter Fredd verliebt und ihn geheiratet. Fredd hingegen, der wohl mit allen Damen, deren er habhaft wird, ein Verhältnis oder zumindest ein Techtelmechtel beginnt, ist ein Hallodri, dem die Zukunft des Konzerns nicht anvertraut werden kann. Derzeit hat sich Klara zu einer Liebelei überreden lassen, und während Fredd dieses Mal von Liebe spricht, hat Klara ganz andere Sorgen. Ihr Bruder aus Kindheits- und Jugendtagen, der nicht eigentlich ihr Bruder ist, sondern nur von ihrer Mutter miterzogen wurde, weil seine eigene früh gestorben war und sie beste Freundinnen waren, hat seinen Besuch in der georgischen Provinz angekündigt. Seit sie als Jugendliche den Fehler gemacht hat, mit ihm zu schlafen, haben sie sich nicht mehr gesehen. Und zu allem Überdruss kündigt der Konzern Klara an, dass ein georgischer Nachwuchswissenschaftler erwartet wird, der mitsamt seiner Frau in ihrem Haus übernachten soll; eine Ehre, konzernhierarchisch gesehen, eine ehrenvolle Aufgabe. Fehlt noch Tochter Mea und ein Stall im Garten, der von einem Schaf bewohnt wird, das vor Jahren über die Grenze geschmuggelt wurde.

Man merkt schon, das Setting von Bettina Gärtners Roman ist reichlich verwickelt und mutet wie das Skript jener erwähnten Abendserie rund um die gelangweilten Hausfrauen an; man denke nur an die Affären. Die Verwandtschaft von Schafen“ mit dem Ausdruck mit jemandem schlafen“ ist da vermutlich nicht ganz weit hergeholt. Während Klara mit Normas Mann schläft, hat sie gleichzeitig Angst, dass Norma ihr ihren Mann ausspannt. Trau, schau, wem. Es scheint, als wäre an diesem Ort im Osten, der gerade noch Westen ist, alles ein wenig mystisch und schemenhaft. Man weiß nie, wer etwas weiß, etwa der Sekretär des Konzernchefs oder die Empfangsdame, die traditionell ja in allen großen Firmen bestens vernetzt ist. Klara wird auch noch dazu berufen, im Komitee für einen großen Empfang mitzuarbeiten, obwohl sie doch eigentlich nicht für den Konzern arbeitet, quasi nur indirekt zur Familie gehört. Das bedeutet in erster Linie, dass sie gemeinsam mit Norma handschriftlich die zahlreichen Einladungsbriefchen schreibt, ehrenamtlich natürlich.

Was Bettina Gärtner in ihrem auf den ersten Blick seltsamen, bei näherem Hinsehen spannenden Roman zeigen will, ist diese beklemmende Art von Abhängigkeit, in der sich stellvertretend für viele die Protagonistin Klara befindet. Diese Tretmühle aus Zwängen, die das kapitalistische Wirken einzelner Konzerne für Einzelmenschen sein kann, wird erschreckend klar gezeigt, sprachlich gekonnt bleibt Gärtner fast zu nah an ihrer Hauptfigur, die gegen Ende des Romans mehr in ihre Gedanken und Träume, auch in ihre Erinnerungen flüchtet. Das scheint für Menschen wie Klara, deren Alltag so stark fremdbestimmt ist, oft der einzige Ausweg zu sein. Und so beschließt sie, nicht mehr alles wahrnehmen zu wollen, nicht alles wissen zu wollen. Denn schließlich geht es am Ende ja nur um das Wohl des Konzerns, nicht wahr? Dieser Stern am Firmament, von dem alle abhängen.

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Souverän skurril

schreibkraft – Das Feuilletonmagazin Werner Schandor (Ausgabe 28 wie meinen?“ 12.2015):

Bettina Gärtner entführt in eine klaustrophobische Welt mit mehr Fragen als Antworten.

Mit „Schafskrimis“ à la Glenkill hat Bettina Gärtners Debütroman Unter Schafen nichts zu tun. Eher gleicht das Buch einem leicht kafkaesken Kammerspiel, in dem neben swanetischen Fettschwanzschafen vor allem Lügen und Geheimnisse eine Rolle spielen. Erstere – die Schafe – sind im Roman Lieferanten für ein besonderes Fett, das sich als Basis pharmazeutischer Salben bewährt. Letztere – Lügen & Geheimnisse bzw. der Versuch ihrer Enthüllung – stehen im Zentrum des Buches, das sich um die Führungspersonen eines namenlosen „Konzerns“ dreht, der das georgische Schafsfett verarbeitet und zum Hauptarbeitgeber einer ebenso anonymen Stadt in der Grenzregion eines nicht näher genannten westmittelosteuropäischen Landes wurde, das stark an Österreich in den 1960ern erinnert.

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist Klara, die Gattin des designierten Konzernchefs Manek. Klara hat ein Verhältnis mit Fredd, dem Schwiegersohn des Konzerngründers und Ehemann ihrer besten Freundin Norma. Fredd und Klaras Mann, Manek, wiederum sind auf einer gemeinsamen Firmenmission im fernen georgischen Hochtal von Swanetien. Die Kommunikation mit den beiden ist schwierig, meist wird die Telefonverbindung unvermutet unterbrochen. Währenddessen kündigt sich im Rahmen eines Austauschprogramms des „Konzerns“ ein georgischer Forscher in der Grenzstadt an, und Klara hat die Ehre, ihn bei sich daheim zu beherbergen. Komplikationen sind vorprogrammiert.

Bettina Gärtner, Jahrgang 1962, pflegt in ihrem Debütroman ein entspanntes Verhältnis zum klaustrophobischen Ambiente ihres Buches. Mit souveräner Skurrilität enthüllt sie nach und nach die persönlichen Verstrickungen der einzelnen Figuren miteinander. Ein wenig erinnert das Setting an die schrillen Filme eines Wes Anderson, wo ebenfalls mit Mitteln der Reduktion bei gleichzeitiger Überzeichnung der Konturen Hyperrealitäten geschaffen werden. Aber während sich in den Filmen von Anderson gegen Ende hin die verwickelten Geschichten gerne auflösen, gönnt Bettina Gärtner ihren Lesern diese ka­thartische Erfahrung nicht. Im Gegenteil: Der georgische Austauschforscher, der sich bald als alter Bekannter von Klara entpuppt und anscheinend eine geheime Mission zu erfüllen hat, bringt zwar vieles ins Rollen, aber gleichzeitig verdichten sich ab der zweiten Hälfte auch wieder die Mysterien rund um den „Konzern“ und sein ambivalentes Verhältnis zur Außenwelt. Manche Figuren, die in der ersten Hälfte des Buches enorm wichtig waren, verschwinden in der zweiten Hälfte in der Versenkung. Demgegenüber wird der Druck, den die symbolische Ebene des Romans erzeugt, immer größer: Fahnen knattern im Wind oder hängen schlaff herunter – je nach Stimmungslage; Schulbusse und Kinder verschwinden, ohne dass es jemanden beunruhigt; das Telefon ist tot; der Strom fällt aus und das Schaf im Garten von Klara verschwindet – aber die Figuren, die noch aktiv sind, tun so, als ob alles in bester Ordnung wäre, weil sie seit jeder gewohnt sind, so zu tun. Wie heißt es gegen Ende des Buches: „Das Schaf hat einen so zufriedenen Eindruck gemacht. Letzten Endes bleiben aber Tiere rätselhaft.“ – Ebenso wie das in sich geschlossene, surreale Universum, in das Bettina Gärtner in Unter Schafen entführt.

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Bettina Gärtner: „Unter Schafen“, Roman, 2015

kolik – zeitschrift für literatur Veröffentlichung des Essays (der Buchbesprechung) von Karin Fleischanderl aus dem Literaturhaus Wien-AUFTRITTE-Porträt in der kolik 71 vom März 2017

Die Frau des Ladenbesitzers freut sich auf den Empfang morgen. Ob er sich auch freue? Auf den Empfang ihm zu Ehren. „Sie kommen mir noch um vor Hitze“, sagt sie dann und bietet ihm an, in ihrem Büro zu warten. Er überhört die Einladung, worauf sie über den Parkplatz schaut wie eben vom Himmel gefallen. Sich aus der Affäre zu ziehen, zählt nicht zu ihren Stärken, sagt Fredd immer. Er muss es ja wissen, er hatte eine mit ihr.

In dem von Bettina Gärtner beschriebenen Universum ist nichts, wie es scheint, alles hat einen doppelten Boden, eine zweite Bedeutung, alles ist Lüge, alles ist Betrug. Der Roman spielt in einem Ort irgendwo im Westen an der Grenze zum Osten, in einer Kleinstadt, die ganz im Zeichen eines Konzerns steht. Der Konzern verarbeitet das Fett von Swanenschafen zu Salben. Die Swanen sind ein archaisches Bergvolk aus Georgien, es besteht der begründete Verdacht, dass sie seinerzeit bei der Konzerngründung übers Ohr gehauen wurden.

Der Konzerngründer und seine Erben leben gut oder zumindest in Wohlstand, der Alltag in den Backsteinhäusern ist im Sinne der Konzerninteressen straff organisiert, jeder spielt die ihm zugedachte Rolle, sogar die Kinder sind in einem sogenannten „Trupp“ zusammengefasst und erledigen geringfügige Aufgaben wie Mülldienst und die Entfernung toter Tierkörper. Klara ist die Frau Maneks, Norma die Frau Fredds, der in Wirklichkeit gar nicht so heißt, und auch nicht Alfred, wie alle vermuten, denen er sich als Fredd vorstellt, sondern Fridolin.

Klara, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, hat – nicht als einzige – eine Affäre mit Fredd, sie verdächtigt wiederum ihre beste Freundin Norma (die Tochter des Konzerngründers), eine Affäre mit ihrem Mann, Manek, zu haben.

Doch was eigentlich ist eine Affäre, wenn die Männer abwesend sind? Manek und Fredd verbringen endlos lange Monate in Swanetien, es besteht der begründete Verdacht, dass sie die Swanen noch einmal übers Ohr hauen wollen, man arbeitet an einem geheimen Rezept, und das Schaf, das unschuldig in Klaras Garten weidet, ist geraubt und dient der Forschung. Die Frauen führen derweil ein Ballett auf, folgen einer strengen Choreografie, die sich in Damennachmittagen und Empfangsvorbereitungen, dem Falten von Tischkarten, Einladungen und Kuverts, erschöpft. Eine Idylle wie in den Fünfzigerjahren, wie aus den Stepford Wives.

Last but not least taucht auch noch ein georgischer Forscher auf, der nur gebrochen georgisch spricht. In Wirklichkeit ist er Klaras Bruder oder auch nicht. Jedenfalls haben die beiden in einem fernen, heißen Sommer etwas miteinander gehabt und aus einem nicht näher genannten, aber leicht zu erratenden Grund versucht Klara ihm das Geburtsdatum ihrer Tochter zu verheimlichen, die sich im Übrigen sehr seltsam benimmt. Sie führt etwas im Schilde. Nach seiner Abreise ist auch das Schaf weg.

Spätestens an diesem Punkt weiß man, dass man sich nicht unter Schafen, sondern unter Wölfen befindet.

Die Welt der Lüge und des Betrugs ist luftdicht verpackt, hat keine Risse, durch die die Wahrheit einsickern könnte. Einzig und allein Klaras Ohr hat ein Bewusstsein dafür, dass mitunter etwas nicht stimmt. Wenn es brenzlig wird, beginnt es aufgrund eines von der Autorin als „Glühanomalie“ bezeichneten Symptoms warm zu werden und zu jucken. Ein Signal, das zwar von der Trägerin des Ohrs perfekt verstanden und interpretiert wird, jedoch absolut folgenlos bleibt. „Ich weiß manchmal nicht, ob ich mich aus der Wirklichkeit oder die Wirklichkeit aus mir entferne; Begleiterscheinung der Glühanomalie, sagen die Ärzte, harmlos, wenn ich sie zu nehmen weiß.“ Niemand nimmt das Symptom ernst, niemand macht sich die Mühe, herauszufinden, was das Ohr sagen will. Wozu auch? Was würde es bringen, der Wahrheit zum Durchbuch zu verhelfen, wenn die Lüge bei weitem vorzuziehen ist? Wenn die Lüge state of the art ist? Wenn sich unter der Lüge gar keine Wahrheit mehr verbirgt und um der Lüge willen gelogen wird, so wie um des Betrugs willen betrogen wird? Die Affäre scheint nicht länger eine Angelegenheit zwischen Mann und Frau, sondern vor allem zwischen Frau und Frau zu sein. Die Frauen umkreisen und beschnüffeln einander argwöhnisch, gehen einander aus dem Weg, obwohl ihnen der Grund des Beschnüffelns, des einander argwöhnisch Umkreisens und aus dem Weg Gehens, der Mann, längst abhanden gekommen ist.

Bettina Gärtner beschreibt eine Welt der Rituale, der leeren Formen, deren Hüterinnen die Frauen sind. Während die Männer in der Ferne den Tätigkeiten des Geschäftemachens und Verführens durchaus mit Leidenschaft nachzugehen und in Swanetien einen Ort gefunden zu haben scheinen, wo es noch so etwas Ähnliches wie Authentizität gibt „wo die Uhren des Lebens noch anders gehen und die Rollen klar verteilt sind, wo Schnaps aus mit Hefe vergorenem Brot gereicht und zu jedem Schluck ein neuer Trinkspruch gefunden wird“, bleibt den Frauen nur die Leere und die Entwirklichung. Selbst Leidenschaft und Eifersucht sind zu Gesten verkommen, zu einem Ballett, zu einer Art Postmoderne der Gefühle, zum Zitat. Die Frauen füllen die Leere hysterisch, gar nicht so sehr mit hausfraulichen Tätigkeiten, sondern mit einer aufgeregten Betriebsamkeit – was eigentlich tun sie den ganzen Tag? –, sie rauchen viel, unter anderem auch Kräuter, die sie im Wald finden. Dann müssen sie kichern.

Auf die Zumutung einer solchen Welt – unserer Welt? – antwortet Bettina Gärtner mit Witz, mit Ironie, mit Zynismus, mit einem gelegentlichen Kalauer. Ihrer Protagonistin Klara legt sie eine Sprache in den Mund, die ihr, obwohl das Joch des Konzernlebens schwer auf ihren Schultern lastet, zu einer Art von Souveränität verhilft. Klara steht darüber. Mit jedem Wort gibt sie zu erkennen, dass sie, obwohl tief eingetunkt, nicht untergehen will. Sie distanziert sich.

Bettina Gärtner knüpft damit an eine gewisse Tradition österreichischer Literatur an, die ihre Figuren als merkwürdige Zwitterwesen darzustellen vermag: einerseits tumb ins Schicksal verstrickt, andererseits souverän über eben dieses Schicksal sprechend, als würden sie die Zusammenhänge durchschauen. Einer Definition von Ironie zufolge weiß der Redende mehr als er sagt, beziehungsweise sein Wissen weicht von seinen Äußerungen ab, aber so, dass er Leser oder der Zuseher die Diskrepanz ahnt oder durchschaut.

Wie ein Rezensent schrieb: „Die ins Detail driftenden Bewusstseinsströme Klaras sind immer wieder durchsetzt von Gedanken klarster Einsicht über die Abhängigkeiten ihres Daseins. Deren Bedeutungen verkehren sich aber mit der darauffolgenden Handlung oft in ihr Gegenteil. Worüber man zuerst noch lachte, das erweist sich im Nachhinein als etwas, das zum Weinen ist.“ (Franz Schörkhuber, Der Standard, 9. Juli 2015)

Bettina Gärtner schildert eine Tragödie, doch die Art der Schilderung trägt Züge der Komödie. Allen ihren Figuren haftet etwas Marionettenhaftes an, sie führen ein Stück auf, das eine ungreifbare kapitalistische Logik sich für sie ausgedacht hat. Einem unsichtbaren Demiurgen zuliebe inszenieren sie die gesellschaftlichen Verpflichtungen der Damennachmittage und Empfänge, falten sie Kuverts und Tischkärtchen. In der Hoffnung, ihm zu gefallen.

Komisch ist, einer Definition Henri Bergsons zufolge, wenn etwas Mechanisches das Lebendige überdeckt. Schon das Starre der leeren Rituale wäre demnach komisch, doch Bettina Gärtner setzt noch eins drauf. Sie inszeniert das Marionettenhafte auch auf sprachlicher Ebene. Semantik und Metaphorik sind von Mechanik geprägt: „Kinder tropfen aus dem Haus.“ Menschen werden verdinglicht, Abläufe als mechanisch und automatisch beschrieben, die Satzgefüge sind von Auslassungen geprägt, entsprechen nicht immer den Anforderungen der lebendigen Sprache. Es wird zusammengefügt und montiert, was nicht unbedingt zusammengehört: „Jetzt hocke ich wieder im Flur auf meiner Stufe eines Lebens, das nicht einfach zu errichten war.“ Der Kalauer schließlich presst zusammen, was absolut nicht zusammengehört: die Affäre, die man hat, und die Affäre, aus der man sich zieht. „Aufpassen, sonst beißen euch die Hunde eure Schwachköpfe auch noch ab.“ Verbindliches fehlt, auch Gefühle und Reflexionen werden anhand von Äußerlichkeiten beschrieben.

Selbst die Natur gehorcht einem ihr zugrunde liegenden Mechanismus und befriedigt auf offensichtlich unschuldige Weise kapitalistische Gier: „Ein Erdbeben hat dann so viele Wohnblocks zerstört, dass niemand mehr dort wohnen wollte, also wurde auf dem frei gebebten Grund mit frischen Fördergeldern ein Handelszentrum errichtet … Das Beben hat auch einen kleinen Krater gerissen, der nur geflutet werden musste, fertig war der Tiefsee.“

Zynisch ist Bettina Gärtners Darstellungsweise, weil es aus dem von ihr entworfenen Universum kein Entrinnen gibt. Die Konzernwelt ist hermetisch abgeriegelt, „wenn’s drauf ankommt, regt sich halt nie auch nur ein Lüftchen“, es besteht keine Hoffnung auf Veränderung. Vom Anfang an weiß man, dass sich hier nichts entwickeln wird, dass das Geschehen um sich selber kreisen wird. Die Verhältnisse werden bleiben, wie sie sind. Die Männer werden in Swanetien ihren vermeintlichen Lüsten frönen, die Frauen werden zu Hause den Herd hüten.

Wie vielen österreichischen AutorInnen ist auch Bettina Gärtner ein „böser Blick“ eigen, der sich nicht darauf beschränkt, die (negativen) Verhältnisse einfach abzubilden, sondern der mit Übertreibung und mit Auslassung arbeitet, der nichts erfindet, sondern andere Faktoren, die es unter Umständen auch noch zu erwähnen gäbe, ausspart. Auch Bettina Gärtner hat einen Hang zum spöttischen Sarkasmus und zur Wirklichkeitsdeformation, zur Satire, einen obsessiven Hang zur negativen Idylle, zum Heraufbeschwören statischer, faszinierend unerträglicher Zustände. Einen Hang zur Fundamentalopposition, wonach die Welt als stahlhartes Gehäuse empfunden wird, an dem jede reformerische Anstrengung als vergeblich abgleitet. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber die Geißelung des falschen Lebens ist, so lässt der Roman „Unter Schafen“ vermuten, mit einem ungeheuren Lustgefühl verbunden.

© Karin Fleischanderl, 2016

Karin Fleischanderl ist Übersetzerin und Publizistin mit Schwerpunkt auf österreichische und italienische Literatur. 1997 gründete sie gemeinsam mit Gustav Ernst die österreichische Literaturzeitschrift „Kolik“; 2005 rief sie, wiederum gemeinsam mit Gustav Ernst, die „Leondinger Akademie für Literatur“ ins Leben.

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